Ach du heilige Scheisse! – oder: Grosse Töne aus dem Wasserglas

von 2b am 23. Oktober 2006

Ist das ein Grund zum Feiern?
Sind 100’000 BlogbesucherInnen – mittlerweile sind es 110’000 – ein Grund zum Feiern?
Das habe ich vor meiner Blogpause gefragt, und versprochen, dass ich später darauf zurückkommen werde.

Voilà :
Die stetig steigende Zahl von BesucherInnen und die schöne Zahl 100’000 sind ein Grund zur Freude. Natürlich sind sie das.
Aber ein Grund zum Feiern? Seien wir doch ehrlich: Im Internet bedeutet diese Zahl wenig mehr als nichts. Mein Blog ist bis jetzt nichts weiter als ein Sturm im Wasserglas.
Und das ist auch ok so. Ich schaue gerne zu und freue mich daran.
Wo wenig Perspektive ist, ist auch wenig Verpflichtung. Und das kommt nun meinem zurzeit wichtigsten Projekt sehr zupass.

Meine Sicht der Dinge ist, dass wir, vor allem in den letzten Jahrzehnten, etwas ganz Besonderes, Kostbares verloren haben. Und es schaut nicht danach aus, dass wir es je wieder finden werden. Trotz all der zahlreichen – stets etwas hilflos wirkenden und oft exotischen – Bemühungen darum. Denn all die Bemühungen, aus erkannter Not und guter Einsicht heraus entstanden, vermögen nicht, den Antrieb, der in uns wohnt, zu bremsen. Die Alternative für kompromisslose Menschen ist bloss die, auszusteigen. Doch das halte ich für Asche. Oder in gutdeutsch: Für einen durchaus nachvollziehbaren Blödsinn. Für eine Selbstlüge, die niemals aufgehen wird. Für billig.
Sich etwas zurückzuziehen, etwas fernzuhalten, um wenigstens Stille um sich zu haben – ok. Aber ohne das konkrete Engagement für die Menschen ist ein solcher Schritt für mich feige Flucht. Er verkommt zur Illusion von Idylle. Was zurückbleibt – da bin ich mir sicher – ist Leere. Innere Leere in der Stille.

So ist mein zurzeit wichtigstes persönliches Projekt, ein einfaches Leben zu finden, so wie es alle andern Lebewesen auch führen. Mit einer klaren Orientierung – und Beschränkung! – auf die wenigen Dinge hin, die das Leben ausmachen. Diese Dinge waren immer dieselben und werden immer dieselben bleiben; all den Zirkus hin oder her, den wir täglich um diese Dinge herum veranstalten, so farbig und laut, dass die Mehrzahl der hiesigen Menschen vermutlich überhaupt nicht mehr weiss, was denn wirklich Sache ist.
Eine Tragik ist, dass die Menschen, die heute noch ein einfaches Leben haben – davon gibt es weltweit noch viele, viele Millionen – stets sehr arm sind oder gar hungern. Sie sind keine Vorbilder. Da ist nichts, das uns ernsthaft dorthin ziehen könnte.

Es schaut also so aus, dass der Preis für Wohlstand und Sicherheit das Aufgeben des einfachen Lebens war.

Das mag tatsächlich so sein. Doch das würde nur bedeuten, dass es gilt, jetzt die Notbremse zu ziehen und, statt weiter blind dem Wahn des pausenlosen Aktivseins zu folgen, bis wir untergehen, diese historische Phase auch als solche zu definieren, dankbar all jenen, die ihr Leben, ihre Gesundheit oder zumindest ihr Glück dafür geopfert haben. Dann diese historische Phase zu beenden, den Wohlstand zu nehmen und endlich etwas Gescheites damit anzufangen.

Davon sind wir nämlich – alle Indizien weisen darauf hin – so etwas wie unendlich weit entfernt. Wir wissen überhaupt nichts Gescheites, auch nur im entferntesten Lebensintelligentes mit unserem Wohlstand anzufangen. Stattdessen wollen wir immer noch mehr davon und verlieren in der Folge jeden Tag weiter an Lebenstüchtigkeit und Lebensintelligenz. Statt den von unseren Ahnen hart erarbeiteten Wohlstand nutzbringend zu verwenden, verstricken wir uns jeden Tag von Neuem in eine Unmenge selbstgemachter Probleme, die uns jede klare Orientierung rauben. Und auch alles, was man ernsthaft als Glück bezeichnen könnte.

Gescheites tun heisst zu sagen: „Es ist genug für uns hier. Genug Wohlstand, genug Sicherheit. Von nun an kommt unsere Lebensqualität in allen Bereichen auf den obersten Platz der Traktandenliste.“
Gleich darauf folgt die solidarische Anstrengung, diesen Wohlstand und diese Sicherheit aktiv allen Menschen dieses Planeten zu gönnen.

Das wäre dann eine der ersten wirklich ausserordentlichen Leistungen, die uns Menschen vor den andern Lebewesen auszeichnet. Eine rein kulturelle Leistung, durch keine Biologie abgesichert. Das Zeug dazu und genügend Wohlstand haben wir heute, das ist offensichtlich. Keine und keiner hier, die oder der noch das Recht hätte, sich davor zu drücken (unsere Armen inklusive).

Eines der vielen verheerenden gesellschaftlichen Mindkonzepte ist die positive Konnotation von Reichtum: Reichtum als positives Mindkonzept. Als ein Anzustrebendes. Als Auszeichnung für menschliche Stärke und Tüchtigkeit.

So ein Habakuk!
Das ist das Verheerende: Statt dass Wohlstand das Mass der Dinge ist, ist das Reichtum. Wer Wohlstand erreicht hat, strebt nach Reichtum. Reiche Menschen werden offen, aber auf jeden Fall heimlich beneidet und bewundert. Der Hass auf sie oder deren Verachtung ist die blosse Umkehr des Neides. Sie zeichnen bloss den in Ohnmacht schwelgenden, den Schwächling aus, der insgeheim liebend gern selber reich wäre. (Im Grunde die reine Verzweiflung, die gleichzeitig unendschuldbar ist!). Die Geschichte aller sozialen Revolutionen der Menschheitsgeschichte hat uns das überdeutlich vor Augen geführt. Blicken Sie doch heute mal kurz nach Russland (oder nach London, Chelsea)! Und Morgen dann nach China…
Was dort schief ging, war nicht der Sozialismus (uns das glauben zu machen hätten unsere einlullenden egoistischen Ideologen des Reichtums – ihres Reichtums! – natürlich gern; und sie bearbeiten uns mit Erfolg!). Was dort und überall sonst schief ging, war (unter anderem), dass die Generation, die auf die Promotoren des Umsturzes folgte, heimlich genau dasselbe wollte, wie jene Menschen, die ihre Führer, die noch mit Herzblut kämpften, gestürzt hatten: Sie wollten einfach selber reich sein. Und das genauso wie ihre ehemaligen Feinde: um jeden Preis. Und ich wage zu behaupten, dass sogar viele Promotoren selber von diesem Virus infiziert waren. Sie waren einfach konsequent genug, ihre Sehnsüchte zu verdrängen.

Es gehört also zu unseren gesellschaftlichen Aufgaben, das Mindkonzept ‚Reichtum‘ umzuwerten.

Reichtum verliert demnach jedes Ansehen – auch jener von Fussballern, Golf- und Schauspielern sowie Tennisassen). So dass sich jede und jeder schämen muss, der oder die unverhofft zu Reichtum gekommen ist, und in der Folge schleunigst darauf bedacht ist, diesen wieder nutzbringend loszuwerden.

Das halte ich für eine Perspektive!
Insofern ist Bill Gates, bei aller kritischen Betrachtung halt doch ein Pionier: Ein Pionier nicht des Computers (da ist er va ein geschickter Bastler, Kopist und Verkäufer), sondern eines neuen Zeitgeistes. (Vom geschätzten Steve Jobs habe ich diesbezüglich übrigens noch nichts gehört…).

Ein einfaches Leben innerhalb der Gesellschaft – wenn auch örtlich an einem stillen Ort – zu führen, klärt die Wahrnehmung für das, was uns wirklich erfüllt. Es verhilft zu Taten, die den Menschen wirklich und selbstverständlich nachhaltig nützen. Einzelnen zumindest wird das auch im Wohlstand gelingen. Weil die Zeit dafür reif ist. Und sie werden vorangehen. Das – erst das! – ist der Anfang eines neuen Zeitalters. Es ist der Anfang auch dann, wenn wir dieses Zeitalter als Gattung nicht mehr erleben sollten. Nichts, das uns davon befreien würde, diesen Anfang – unbesehen, was daraus wird – zu machen.

Und ich habe mich wieder einmal hoffnungslos verloren und, statt ein einfachen Lebens zu führen und früh ins Bett zu gehen, geschrieben und geschrieben. Gehöre ich auch noch zu den Opfern? Das wäre vielleicht eine Scheisse. Gute Nacht.

6 Kommentare »

  1. die verfügbaren ressourcen in ihrer gesamtheit sind dafür da, dem wohlergehen der gattung zu dienen.
    die natur hat in den genen nur für die sippenverantwortung vorgesorgt. gattungsverantwortung – aber auch dorf-, stadt-, landes- oder wirtschaftsraumverantwortung – sind eine kulturleistung, die aufgrund globalen wirkens und globaler interdependenzen mittlerweile zum muss geworden ist. von dieser kulturleistung sind wir noch meilenweit entfernt. aber wann sollen wir beginnen?
    übrigens: wenn wir dieses verhalten mit gesetzen erzwingen müssen (wie zb demokratisches verhalten (siehe dazu demnächst: „Demokratie? – Das ist ja ein Witz!“)), so ist das noch keine kulturleistung!

    es gibt einen range, innerhalb dessen dieses kollektive wohlergehen gewährleistet ist. alles, was darüber (reichtum) oder darunter (armut) liegt, ist unter den hier und heute aktuellen bedingungen ein skandal. ein vergehen gegen die mitmenschlichkeit.

    auch wenn die gene nur die sippenverantwortung schützen, ist unsere wahrnehmung wach. das heisst, eine skandalöse wirklichkeit, innerhalb des verantwortungsraums, zu dem wir gehören, wirkt auf uns selber zurück. wir können uns auf dauer unmöglich an dem erfreuen, was die gemeinschaft auf dauer vermisst. je mehr davon wird, desto stärker wirkt die innere schuld. und schuld leert uns aus. wer das nicht spüren will, kann sie nur durch neues handeln auflösen (wie zb gates) oder verdrängen. verdrängen bedeutet aber, sich nicht zu spüren. und sich nicht spüren bedeutet: nicht leben.
    es ist tatsächlich so einfach.

    der verantwortungsraum, der auf uns und demzufolge auch auf reiche wirkt, korreliert mit der quelle des reichtums. wenn Sie ihn aus ihrem land ziehen, sind Sie auch dem wohlergehen der bevölkerung ihres landes verpflichtet. stammt er aus globaler tätigkeit, sind Sie auch global verpflichtet.

    im übrigen: glauben Sie mir nicht! prüfen Sie das alles selbst nach. beginnen Sie mit ihren persönlichen erfahrungen als reiche oder reicher bzw mit ihren erfahrungen mit reichen menschen.

    tipp: falls Sie auch nur ein bisschen aus dem vorbehalt starten, werden Sie nichts, aber gar nichts herausfinden, das wirklich nützt. es bleibt asche. also, ist vielleicht zuerst eine reinigende haltungsdusche angesagt.

    herzlich
    ihr 2b

    2b am 24. Oktober 2006 um 13:08 Uhr

  2. Das mit dem Reichsein leuchtet mir spontan ein, auch wenn ich noch nicht verstehe, was daran falsch sein soll.
    Was ist es?

    Florian H. am 24. Oktober 2006 um 12:28 Uhr

  3. hoppla!
    gerade habe ich punkto geldverteilung nach steve jobs (apple) gefragt, da kommt der bescheid, dass er ‚etwas kleines‘ tut („Etwas Kleines, das Grosses bewirken kann“ – der slogan von apple): http://www.apple.com/chde/ipodnano/red/?cid=CDM-EU-0949

    2bd

    2BD am 24. Oktober 2006 um 17:17 Uhr

  4. weitere kommentare siehe ‚Forum Geld/Money‚!

    2BD am 24. Oktober 2006 um 21:53 Uhr

  5. zu 2
    gut, du hast gelesen, aber noch nichts verstanden. kein problem. lies einfach 2, 3 mal den artikel. steht alles drin

    2b am 23. September 2019 um 21:48 Uhr

  6. mittlerweile ist mein leben – auch für mich, oder eher: sogar für mich(?) überraschend – tatsächlich recht einfach, inklusive die geforderten 10 stunden schlaf (recht häufig mit (oft schönen) wachphasen dazwischen; der ‘prozess’ läuft ja weiter, tag und nacht).
    ebenfalls überraschend ist, in welch beträchtlichem ausmass sich die formel LeLiLa dabei etabliert hat. genuss pur! WUNDERBAR! und das in insgesamt hevorragender körperlicher verfassung! vor allem auch, was die gesundheit und die eingeweide angeht: wohlfühlen pur.

    2b am 28. September 2019 um 12:23 Uhr

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